Beitrag von Rainer Bartel, 03.12.2007, 16:28
Warum Hunde Sitzen machen sollen
In der wunderbaren Komödie “Eins, Zwei, Drei” von Billy Wilder brüllt der Chef seinen Untertanen, die ganz im Geiste des vergangenen Regimes immer aufstehen, wenn er reinkommt, jedes Mal ein lautes “Sitzen machen!” entgegen. Vermutlich ist auf Basis dieses Films der absolute Basisbefehl der Hunderziehung entstanden: “Sitz!” Nun soll es ja antiautoritäre Hundehalter geben, die jeden Befehl hinterfragen, also wissen möchten, warum denn der Hund überhaupt Sitzen machen soll. Zunächst: Jeder Hund ist anders. Da gibt es den phlegmatischen Puschel, der sich nur bewegt, wenn es was zum Fressen gibt, und da ist der quirlige Zwergpudel, der selbst beim Schlafen nie ganz frei vom Zucken ist. Manchmal möchte man aber den Hund am Zappeln hindern - zum Beispiel um Halsband oder Geschirr anzulegen. Und wenn der Hund sitzt, dann hält er still. Ja, rein anatomisch betrachtet, ist die Sitz-Position diejenigen, in der unser felliger Freund jede unnötige Bewegung einstellt.
Wie lernt Fiffi Sitzen machen? Wie jeden anderen Befehl auch. Zunächst muss er den Zusammenhang zwischen dem gesprochenen oder gerufenen Befehl und der gewünschten Reaktion kennen lernen. Anfangs kann man das Hinterteil des Viechs gern auch mal mit der Hand runterdrücken nachdem man “Sitz!” angeordnet hat. Danach muss innerhalb von zwei Sekunden das Lob und die Belohnung folgen. Tatsächlich hat jeder Hund eine spezifische Form der Erinnerungslücke; sein Kurzzeitgedächtnis reicht kaum weiter als etwa fünf Sekunden - alles, was vor diesem Horizont liegt, bringt er mit der Gegenwart kaum noch in Verbindung. Dafür haben Köter aber ein phänomenales Langzeitgedächtnis, dass besonders an ihre Sinneseindrücke gebunden ist. Dazwischen klafft eine Kluft; so wird der Hund in aller Regel abends nicht mehr “wissen”, was morgens war. Übrigens: Diese spezifische Memory-Qualitäten erleichtern es, den treuen Hausgenossen auch länger daheim zu lassen, denn er kann nicht unterscheiden, ob Frau- und/oder Herrchen jetzt eine halbe, eine ganze oder fünf Stunden weg sind. Dafür “erinnert” er sich genau, dass es täglich um 18:15 Abendbrot gibt (was bei der Umstellung von Sommer- auf Normalzeit und umgekehrt lästig sein kann).
Also: Der freundliche Halter sagt “Sitz!”, die Töle setzt sich und bekommt innerhalb von zwei Sekunden Lob und Leckerchen. Das prägt sich ein. Bei manchen Vierbeiner so sehr, dass sie permanent unaufgefordert Sitzen machen, weil sie der Annahme sind, dafür gäbe es jedes Mal was Feines. Das bedeutet: Der Hund wird NUR gelobt und belohnt, wenn er auf Befehl hin Sitzen macht.
Wie gesagt: Jeder Hund ist anders. Auch im Hinblick auf die Entschlüsselung von Signalen. Die Mehrheit verfügt nicht nur über gute Ohren sondern - neben dem olfaktorischen Gedächtnis - über einen guten Speicher in Bezug auf akustische Phänomene. Viele Waldis sind aber auch Augentiere und können sich Gesten und sogar Mimiken genauso gut merken. Das kann man beim Sitz-Training ausnutzen, indem man das gesprochene Wort mit einer eindeutigen Geste unterstreicht. Erfahrungsgemäß wird der nach oben zeigende Zeigefinger gut verstanden.
Haben Sie einen besonders folgsamen Vertreter der Gattung Canis im Haus, dann ist es unerlässlich, einen zweiten Befehl gleich mit zu üben, denn sonst bleibt die Töle nach erfolgtem Sitzen machen bis in alle Ewigkeit auf dem Hintern hocken. Zum Auflösen der Situation bieten sich die Befehle “Komm!” und “Lauf!” an. Während der Genosse bei “Komm!” Richtung auf den Befehlshaber aufnehmen soll, darf er nach “Lauf!” eine ihm genehme Richtung einschlagen. Übrigens: “Komm!” sollte ebenfalls mit Lob und Belohnung erarbeitet werden, bei “Lauf!” ist das nicht nötig.
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