Beitrag von Pia Helfferich, 22.07.2008, 14:24
Moderner Klassiker: Die Grasharfe von Truman Capote
Wenn man an Truman Capote (1924 – 1984) denkt, hat man meistens die letzten Lebensjahre des Autors vor Augen, als er zwar mit Witz, jedoch auch brutalstmöglich die New Yorker Oberschicht bloßstellte und mehr mit Drogen und Prozessen, denn mit seiner Arbeit in die Schlagzeilen drängte. Was ihn Jahrzehnte zuvor zu einem der aufregendsten Schriftsteller seiner Zeit machte, kann man beispielsweise in seinem Roman „Die Grasharfe“ aus dem Jahr 1951 nachlesen. Dieses Buch, das es lohnt aus dem Schatten des übergroßen Erfolges „Kaltblütig“ hervorgeholt zu werden, zeigt einen Capote, der zu poetischer Sprache und sensibler Darstellung fähig war.
Erzählt wird die Geschichte des Waisenjungen Collin, der mit seinen Tanten Verena und Dolly in einer Kleinstadt in den Südstaaten lebt. Verena ist eiskalt, herrisch und äußerst geschäftstüchtig. Dolly hingegen, so still und versponnen sie auch ist, gibt Collin ein liebevolles Zuhause. Als Verena Dollys Produktion von Kräutertinkturen an sich reißen und groß vermarkten will, setzt diese sich zum ersten Mal im Leben zur Wehr und zieht aus Protest mit Collin und der Hausangestellten Catherine in ein Baumhaus im Wald. Weder Verena noch die Einwohner der Kleinstadt beabsichtigen, diese Rebellion ungesühnt zu lassen.
Wenn es nicht angesichts dieses subtilen und poetischen Romans zu plakativ wäre, könnte man sagen, er handele vom Recht auf Individualität: „Aus welchen Leiden auch immer die Welt zusammengesetzt ist – alle Eigenwelten sind gut, sie sind niemals unbewohnbar und gewöhnlich.“
Dem Roman wurde eine Verfilmung angetan, die man sich keinesfalls anschauen sollte, ohne vorher das Buch gelesen zu haben, da sonst die Chance auf einen unvoreingenommenen Eindruck der Grasharfe nicht mehr möglich ist.
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