Beitrag von Horst-Dieter Radke, 31.05.2008, 22:50
Fabeln schreiben
Ist es heute noch zeitgemäß, Fabeln zu schreiben? Allzu oft wurde schon verkündet, dass die Fabel tot ist. Das mag insofern stimmen, als die Fabel zur moralischen Belehrung kaum noch taugt, schon gar nicht als Lehrstück für Kinder. Andererseits finden sich auch Fabeln im Werk bekannter Autoren des 20. Jahrhunderts. Die Fabel ist einfach ein Stück Literatur von überschaubarer Länge, dass zu Schreiben Spaß machen kann. Lassen Sie sich nicht von Literaturwissenschaftlern abschrecken. Die Fabel ist so lebendig oder tot, wie Sie es wollen.
Wie schreibt man aber nun eine Fabel. Eigentlich nicht anders als eine Kurzgeschichte. Man braucht eine Idee, formuliert diese aus, überarbeitet sie, und die Fabel ist fertig. Etwas genauer: Eine Fabel ist eine kleine Geschichte, die ein bisschen Lebensweisheit aus dem trockenen Allgemeinen in die Lebenswirklichkeit trägt.
Hierzu ein Beispiel: Beim morgendlichen Spaziergang mit unserem Hund finde ich einen alten Sack mitten auf der Straße liegen. Verloren? Nein, weggeworfen. Er ist löchrig und schadhaft. »Man hätte ihn ja flicken können« geht mir durch den Kopf. Aber im gleichen Augenblick ist mir klar, dass sich das nicht lohnt. Ein neuer kommt billiger als der Aufwand, den alten zu restaurieren – und das passt heute nicht nur auf Säcke. Zurück zu Hause wird diese Vorstellung gleich notiert und am Abend kann ich daraus eine Fabel formulieren:
»Was seid ihr ohne mich« sprach stolz der Sack zum Korn, das er fest umschlossen hielt. »Winzige kleine Dinger, die keinen Zusammenhalt hätten, würde ich sie nicht umfangen. Niemand würde euch alle zusammen tragen wollen, wenn es mich nicht gäbe. Bedeutung erlangt ihr also erst durch mich.«
Still ertrugen dies die Körner, als sie zum Müller getragen, dort zu Mehl gemahlen und anschließend in Brot verbacken wurden.
Der Sack aber wurde, da schadhaft geworden, achtlos fortgeworfen. Seinesgleichen war ja billig zu haben.
Sie sehen: Nicht nur alte, kaputte Säcke, sondern auch Fabeln liegen auf der Straße. Auch die Fixierung auf Tiere, die lange Fabeln dominierten, muss nicht unbedingt eingehalten werden. Sie können alles für Ihre Fabel nutzen, was Ihnen gerade in die Quere kommt - sogar Ihren Wäschetrockner, wenn der Sie auf eine Idee bringt.
Hilfreich ist es, Fabeln zu lesen und zwar möglichst in der ganzen Breite, die zur Verfügung steht: von der Antike bis Heute. Eine Möglichkeit dazu finden Sie in meinem Fabelblog
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