Beitrag von Rainer Bartel, 21.01.2008, 14:14
Hundeerziehung: …dann kommt er oder nicht (1)
Wer erinnert sich nicht an den Werbespot für alkoholfreies Bier, in dem das Herrchen erläutert, dass sein Köter zwar nicht immer kommt, wenn er gerufen wird, aber immer öfter. Im Jargon der Hunderziehung handelt es sich um den Befehl zum Abrufen. Der spielt in der Ausbildung eine große Rolle, denn ohne dass Hasso diesen Befehl beherrscht, ist das leinenlose Laufenlassen praktisch unmöglich. Wer seinen Vierbeiner liebt, der möchte dem natürlich möglichst oft die Gelegenheit geben, frei durchs Gelände zu wieseln. Das ist aber nur im gut umzäunten Gelände gefahrlos möglich – wobei der Zaun je nach Rasse möglicherweise anderthalb bis zwei Meter hoch sein müsste. In Feld und Flur dagegen lauern Gefahren für Leib und Leben des Hundes. Das größte Risiko stellt der Straßenverkehr dar, das zweitgrößte der Förster oder Jäger. Angenommen, man hat eine nette Wiese am Waldesrand gefunden und lässt die Töle herumtollen. Leider ist der Wald aber Tabu, und der diensthabende Förster betrachtet freilaufende Hunde als Wilderer, die ohne viel Federlesens abgeschossen werden. Also soll der beste Freund wissen, dass er nicht in den Wald rennen darf. Beziehungsweise: Strebt er dem Dickicht zu, soll er nach dem entsprechenden Befehl auf der Stelle wenden und zum Herrchen kommen. Ähnliches ist wünschenswert, wenn die Straße oder das Bahngleis die Gefahrenquelle bildet.
Den Hund am unerwünschten Ausflug zu hindern, wird als “Abrufen” bezeichnet. Der Befehl kommt in zwei Geschmacksrichtungen vor: Entweder der Halter will nur, dass Hasso stoppt und weitere Anweisungen abwartet (\"Halt!\" oder “Stopp!\") oder er will, dass der Köter stantepede zum Befehlshaber zurückkehrt (\"Komm!\" oder “Hier!\"). Das Prinzip ist dasselbe. Wie aber trainiert man diese Befehle? Das hängt – wie immer – nicht wenig von der Neigung zum Abhauen ab. Hunde, die sehr auf Frau- und/oder Herrchen bezogen sind, muss man ja regelrecht ermuntern, sich zu entfernen; Tölen mit starkem Jagdtrieb dagegen nutzen jede Gelegenheit, Beute aufzuspüren und gegebenenfalls zur Strecke zu bringen.
Befassen wir uns zunächst mit der freiheitsliebenden Sorte. Solche Hunde müssen schrittweise an die Freiheit gewöhnt werden. Dazu benutzt man am besten eine Schleppleine. Dabei handelt es sich um ein robustes Band von fünf, zehn oder gar fünfzehn Metern Länge, dass allein durch dieses Maß ein gewisses Gewicht hat. Der Kandidat bekommt also die Schleppleine ans Halsband geheftet. Er wird nun anfangen, herumzuschnüffeln und sich immer weiter von der Bezugsperson zu entfernen. Irgendwann ist das Maß voll, die Leine spannt sich, und Hasso spürt den Widerstand. Das ist der Punkt, an dem er mit einem sanften, aber deutlichen “Komm!” oder “Hier!” abgerufen wird. Begreift er den Befehl (anfangs eher zufällig) und kehrt zurück, wird er überschwänglich gelobt und belohnt. Klappt das einigermaßen sicher bei Ausnutzung der Leinenlänge, kann man dazu übergehen, ihn auch schon vorher abzurufen. Ist auch diese Lektion gelernt, ist der Zeitpunkt gekommen, die Schleppleine aus der Hand zu geben und das Abrufen zu testen. Ist das bei einigen Versuchen erfolgreich, kann der Köter für bereits frei laufen. Er wird das Gewicht der Schleppleine bei seinen Ausflügen spüren und annehmen, er sei noch mit seinem Frau- bzw. Herrchen verbunden. Wenn – und dieser Prozess kann sich über Wochen hinziehen – in dieser Phase das Abrufen zu mehr als 90 Prozent funktioniert, dann hat der Hund den Befehl gelernt, und das Risiko, dass er abhaut, ist recht klein. Wichtig ist, den Vierbeiner bei jedem erfolgreichen Zurückkommen zu loben und/oder zu belohnen, auch noch nach Monaten.
Den Befehl “Halt!” oder “Stopp!” kann man dann als nächstes in Angriff nehmen. Bei dieser Lektion ist das Loben und Belohnen nicht ganz so einfach, weil der Köter ja entfernt vom Halter gehorcht und die Verbindung zwischen dem Befolgen des Befehls und einer späteren Belohnung nicht wirklich speichert.
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