Beitrag von dpa, 10.11.2008, 15:52
Bauer sucht Stadt: Liebe zum Land liegt im Trend
Wenn «Heinrich, der singende Schäfer» und «Torsten, der attraktive Schweinebauer» nach dem Frauenglück suchen, schauen ihnen Millionen von Menschen zu.
Die RTL-Fernseh-Dokusoap «Bauer sucht Frau» gilt als Erfolgsformat. Dahinter steckt mehr. Agrar-Romantik, die Sehnsucht nach dem Leben auf dem Land, hat Einzug gehalten in die Popkultur. Zeitschriften dieses Lebensgefühls heißen «Liebes Land» oder «Landlust». Lokale mit regionaler Küche oder Alpenflair machen Sushi-Läden Konkurrenz. In New York gibt es sogar Scheunenrestaurants, in denen sich die Gäste ein bisschen fühlen können wie im Heuschober.
In Berlin lässt sich der Wunsch nach einem Stück Land in der Stadt besonders gut nachvollziehen. Kleingärten gelten längst nicht mehr als spießig, auf Kinderbauernhöfen lernt der Großstadtnachwuchs, wie echte Schweine riechen. Restaurants heißen «Schwarzwaldstuben», «Felix Austria» oder «Meierei». Letztere ist ein Feinkost-Imbiss nahe dem Kollwitzplatz, vor dem Prenzlauer-Berg-Mütter in der Herbstsonne sitzen und hausgemachte Rindersuppe essen.
Drinnen schwärmt der Chef von den Laugenbrezeln seiner Kindheit, ein Bergpanorama und ein ausgestopfter Gamskopf zieren das Altbauambiente: ein Beispiel für den Trend zur Gemütlichkeit und Geborgenheit, bei dem weißgestrichene Küchenstühle und Schnittblumen nicht fehlen dürfen. «Man isst und trinkt wieder Heimat», sagt Stefanie Heckel vom Gastronomieverband Dehoga. In einer immer komplexer werdenden Welt suchen die Gäste demnach in der Gastronomie einerseits Geborgenheit, andererseits aber auch das Überraschende, Neue. Fachleute sprechen von «trendiger Tradition».
Besonders urwüchsig geht es bei den Möbeldesignern von Sawadee zu, die sich dem Zusammenspiel von Natur und Metropole widmen. Aus Stadtbäumen, darunter Eichen, Eschen, Pappeln, zimmern sie in einer Werkstatt in Neukölln Skulpturen und edle Möbel. «Die Resonanz ist wirklich großartig», sagt Unternehmer Jörn Neubauer. Das Material stammt von Unternehmen, die kranke oder beschädigte Bäume fällen. «Die sagen Bescheid, wenn sie was Schönes haben», erläutert Neubauer. Die aus den Baumstücken gefertigten Objekte sind mit 250 Euro für eine Schale oder 3500 Euro für ein Sideboard nicht billig. Zur Klientel gehören Leute mit Umweltbewusstsein und/oder mit schicken Autos.
Ein Sinnbild für die Suche nach Ursprünglichkeit sind auch die robusten, kantigen Holztische, die gern bei jungen Familien im Esszimmer stehen. Das hat Trendforscherin Birgit Gebhardt beobachtet. Das Phänomen «Gardening» ist damit verwandt, dazu gehören Großstädter, die sich um Blumenbeete auf dem Bürgersteig kümmern. Der Trend geht bis in die Kunst: Der Grafikdesigner Mike Meiré zeigte in seiner Installation «The Farm» eine Küche mit Bauernhof-Flair und blökenden Schafen mitsamt toten Hasen zwischen dem Kochgeschirr. TV-Moderator Dieter Moor ist im Zweitberuf Biobauer und hat sich bereits in einer Doku mit dem Leben in der brandenburgischen Provinz befasst.
Und Fernsehserien wie «Bauer sucht Frau»? «Wir würden das ähnlich sehen wie die neue Lust am Kochen», sagt Gebhardt, die am Hamburger Trendbüro gesellschaftliche Entwicklungen beobachtet. Demnach will der Zuschauer gar nicht wirklich aufs Land ziehen oder die Rezepte nachkochen, sondern das Fernsehen ist eine Ersatzhandlung.
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