Beitrag von Karin Mager, 27.02.2008, 19:58
Ausdrücken von Gefühlen: Tut Wut wirklich gut?
Viele Menschen glauben, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und Ärger offen auszudrücken, ist befreiend, ehrlich und gesund. Frustration wird nicht angesammelt, sondern entladen. Das stimmt unter drei Voraussetzungen:
1. Wenn Sie beim verbalen Ausdrücken Ihrer Ärgergefühle sich an meinen Ratschlag “Konflikte ansprechen ohne Vorwurf und Abwertung“ halten.
2. Wenn Sie Ihre Wut körperlich abreagieren, ohne jemanden anzugreifen, also durch körperliche Betätigung wie Schlagen auf Matratzen, spielerische Kämpfe, ohne jemanden zu verletzen, Joggen oder andere sportliche Betätigung.
3. Und wenn ein Wutausbruch gegenüber einer Person eher die große Ausnahme als die Regel ist. Wem würde nicht irgendwann die Geduld ausgehen, wenn der Mitbewohner beim Duschen immer wieder das ganze Bad unter Wasser setzt und das Trockenwischen vergisst. Hier kann ein gereizter Aufschrei „Es reicht mir! Ich bin es leid! Ich habe dir schon tausendmal gesagt…“ dem anderen klarmachen, dass Sie wirklich sauer sind und möchten, dass Ihre Bitte gehört wird.
Ganz anders ist es, wenn sich jemand gewohnheitsmäßig sehr schnell in Ärger, vermeintlich gerechtfertigte Entrüstung und Wut hineinsteigert und das dann ausdrückt durch abwertende Du-Botschaften, lautes Herumschreien, ärgerliche Mimik und Gestik, Türenschlagen, den anderen nicht zu Wort kommen lassen und womöglich als extremen Endpunkt durch körperliche Gewalt. Ärger und Wut auszuagieren dient hier dazu, das Gegenüber einzuschüchtern, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Ein solcher Wutausbruch dient weniger der Befreiung von Spannungen, sondern ist eher vergleichbar mit einer schlechten Angewohnheit, die man immer wieder wiederholt. Die Beziehung zum anderen wird hier nicht gestärkt, weil etwas Unausgedrücktes zu Tage gefördert wird, sondern es wird lediglich ein altes beziehungsschädigendes Verhaltensmuster wiederholt.
Ich erinnere mich an eine Frau, die bei Meinungsverschiedenheiten gleich so wütend wird, dass kein vernünftiges Gespräch mehr möglich ist. Kürzlich erzählte sie mir, sie habe die Abdeckung ihres Druckers kaputt geschlagen, weil er nicht funktionierte. Ich fragte sie: „Gab es jemanden in deiner Familie, der ähnlich heftig reagierte?“ – Sie erwiderte sofort: „Ja, mein Vater war sehr jähzornig. Als Kind hatte ich deswegen ziemlich Angst vor ihm.“
Ich nenne diese Art von hemmungsloser Wut „alten Ärger“. Diese Emotion ist ein altes Gewohnheitsmuster, um mit Stress umzugehen. Es hilft nicht dabei, um ein Problem oder einen Konflikt zu lösen. Das Ausagieren von „altem Ärger“ erkennt man daran, dass ein ruhiges Gespräch über die gegensätzlichen Bedürfnisse und ein sich gegenseitig Zuhören in diesem Moment nicht möglich ist. Warten Sie einen anderen Zeitpunkt ab für ein klärendes Gespräch.
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